Er ist gütig zu denen die gütig sind. Er ist auch gütig zu denen die nicht gütig sind. Es ist die Güte der Handlung selbst. Er ist vertrauenswürdig denen gegenüber, die vertrauenswürdig sind. Er ist auch vertrauenswürdig denen gegenüber, die nicht ver-trauenswürdig sind. Es ist das Vertrauen der Handlung selbst.

Tao Te King (49:2)

Ist Huna-Schamanismus von Serge Kahili King auch ein Weg zur Erleuchtung?

von Angelika Driesner

Im Leitartikel zu dieser Ausgabe geht Serge auf die oft gestellte Frage nach der Ethik in der Huna-Lehre ein. Eine ebenso häufig aufgeworfene Frage ist die, ob der Huna-Schamanismus, so wie er von Serge gelehrt wird, auch zur Erleuchtung führen kann. Im Klar-text: Müssen sich spirituelle Sucher noch nach einem anderen ergän-zenden System umsehen oder sich sogar zwischen einem mystisch-em Weg und dem Huna-Schamanismus à la King ent-scheiden?

Im "Stadt-Schamanen" führt Serge dazu aus, dass Mystiker und Schamanen zwar ähnliche Meditationstechniken anwenden, sich je-doch in ihrer Akzentsetzung bei dem, was sie damit erreichen wollen, unterscheiden: Der zentrale Fokus bei der Meditation der Mystiker liegt auf dem Erreichen von Erleuchtung oder - mit anderen Worten - auf dem Erwachen aus dem Zustand der Unwissenheit über die wahre Natur des Menschen. Werden dabei Geist und Körper geheilt oder besondere mentale, psychische und körperliche Fähigkeiten erlangt, so sind das für den Mystiker lediglich Nebenwirkungen. Bei der scha-manischen Meditation hingegen liegt der Akzent gerade auf diesen Nebenwirkungen. Kommt es dabei zur Erleuchtung, dann ist dies für den Schamanen oder die Schamanin eine nützliche Nebenwirkung, die dann gegebenenfalls auch schamanisch genutzt werden kann.

Bedeutet diese unterschiedliche Akzentsetzung in der Meditations-technik jedoch, dass wir uns für die eine oder die andere Akzentsetz-ung entscheiden müssen, weil wir es mit zwei sich einander ausschliessenden Systemen zu tun haben? Dies ist keineswegs nur eine abstrakt-philosophische Frage, sondern ein zentraler Punkt, wenn wir in unserer schamanischen Praxis kongruent sein wollen. Denn: Wenn - wie Serge oft sagt - die Huna-Lehre eine praktisch anwendbare Lebensphilosophie ist, dann muss sie als System für alle Lebensbereiche gelten, also auch für unsere mystische Akzentsetzung in unserer Spiritualität.

Machen wir uns daher auf die Suche nach einer Antwort, die - genau-so wie bei der Ethik - auch in den sieben Prinzipien verborgen sein müßte. Ergänzend werden wir auch noch die vier schamanischen Ebenen sowie die Funktionen von Lono und Ku in unsere Überlegung-en einbeziehen. Beginnen wir mit letzterem: Fragen wir uns zunächst einmal, wie es überhaupt dazu kommt, dass wir darüber nachdenken, ob Huna-Schamanismus und Mystik Gegensätze sind?

Der Sprach- und Denkschleier über der Welt

Meine Vorstellung vom Entstehen von Widersprüchlichem generell ist folgende: Über der Welt liegt eine Art Sprach- und Denkschleier, der seinem Wesen nach dualistisch ist. Sagen wir "Tag", so erscheint "Nacht" als gedankliches Gegenstück gleich mit. Jede Sprache ist dualistisch und damit ungeeignet, universale Einheit auszudrücken, die im Zustand des Erwachens erfahren wird. Deshalb schwiegen und schweigen viele Erwachte oder sprechen in Metaphern und Parabeln von der Unio mystica.

Die Dualität unserer Sprache ist das Spiegelbild der Dualität unseres Geistes, und zwar sowohl in seiner Ku- als auch in seiner Lono-Funktion. Was heißt das? Lono ist die Funktion in unserem Geist, mit der wir die Welt und unsere Erfahrungen in ihr ordnen. Ku lernt dieses Ordnungsschema von Lono und speichert es in unserem Ge-dächtnis als Lernerfahrungen und Überzeugungen. Dabei arbeitet das Lono-Ordnungsschema nach der einfachen Grundstruktur: Hin zu etwas - weg von etwas - neutral. Dieses Einordnen der Phänomene, die wir in der Außen- und in der Innen-welt erfahren, erschafft die sprachlichen Gegensatz-Paare wie Tag und Nacht, Gut und Böse, Mystiker und Schamane usw.

Durch das geistig-sprachliche Ein- und Zuordnen erfinden Ku und Lono zwar willkürliche, jedoch überaus nützliche kreative Grenzen. Würde unser Geist nicht die Fähigkeit des analytischen Lono und des lernend speichernden Ku besitzen, dann würden wir uns in einem unbegrenzten Universum überhaupt nicht zurechtfinden.

In diesem Sinne und zum Zwecke der besseren Orientierung bei unserer Meditationspraxis zeigt uns Serge, wenn er lehrt, sprachlich und gedanklich explizit die Unterschiede bei der schamanischen und der mystischen Meditationstechnik auf. Mit Hilfe dieser gegensätzlich erscheinenden Einteilung können wir die unterschiedlichen Akzent-setzungen wahrnehmen und uns dann je nach verfolgtem Zweck für die eine oder andere entscheiden.

Meiner Meinung nach folgt aus Serges didaktischem Ansatz jedoch keineswegs der Schluß: Wenn wir mystisch meditieren wollen, um Erleuchtung zu erlangen, dann müssen wir uns zusätzlich zum Huna-Schamanismus von Serge noch nach einem anderen mystischen System umschauen oder möglicherweise sogar auf den schamanisch-en Weg verzichten. Wissen wir doch als Huna-Schaman/inn/en sehr wohl, dass es in der Huna-Lehre keine gültigen Grenzziehungen und mithin auch keine sich einander ausschließenden Gegensatz-Paare wie "Schamane / Mystiker" geben kann. Denn: Jegliche Ausgrenzung von Möglichkeiten oder Seins-Formen aus der Huna-Lehre würde allein schon dem Sinn des Wortes "Huna" in seiner Zusammensetzung aus HU als Chaos, Aktivität, Yang und NA als Struktur, Ruhe, Yin widersprechen.

Aus meiner Sicht sind daher Schamane und Mystiker ihrem Wesen nach sich ergänzende Wirkzusammenhänge wie Tag und Nacht oder die beiden Seiten einer Münze. Der aktiv kreierende Huna-Schamane geht Hand in Hand mit dem sich an die Unio mystica hingebenden, empfangenden Mystiker. Beide entspringen dem Quell des unteilbaren Lebensstroms.

Soweit erst einmal die grundsätzlichen Überlegungen zur Dualität, die im Menschen allein durch die Sprache und das Denken entsteht. Gehen wir nun im folgenden bei unserer Suche nach einer Antwort systematisch nach den sieben Prinzipien vor:

Was bedeuten diese Prinzipien eigentlich und welche Antwort könnte auf die Frage nach dem Verhältnis von Mystiker und Schamane in ihnen verborgen sein?

Die sieben Prinzipien: Sieben raum- und zeitlose Tee-Schalen

Für mich sind die sieben Prinzipien wie Tee-Schalen, die in ihrer Grundform system-unabhängig und zeitlos sind. Wird doch jede Flüssigkeit in konkave, nach innen gewölbte Hohlräume gegossen und nie in konvexe, nach außen gewölbte. Hingegen wandeln sich das Material, die äußere Formgebung und die Dekoration der Schalen sehr wohl je nach Epoche und Kultur. Auch die Flüssigkeit, die in sie hineingegossen wird, ist je nach Gastgeber und Anlaß unterschiedlich.

Ebenso können die Prinzipien auch sprachlich je nach Kontext unterschiedlich gefaßt werden. Im religiösen oder spirituellen Leben beispielsweise christlich, buddhistisch, taoistisch oder atheistisch. Auch werden wir sie unterschiedlich formulieren je nach dem, auf welcher schamanischen Ebene wir uns gerade mit unserem Gesprächspartner unterhalten. Auf der ersten Ebene werden sie materialistischer und dualistischer klingen als auf der vierten, der holistischen Ebene. In ihrer Essenz aber bleiben die Prinzipien immer gleich. Lassen wir uns daher nicht durch ihre unterschiedliche sprach-liche Formulierungen über ihr system-unabhängiges Wesen täuschen.

Gehen wir die sieben Prinzipien nun im Hinblick auf unsere Fragestellung nacheinander durch:

IKE - Nach dem ersten Prinzip können wir etwas ganz Wesentliches feststellen: Wir suchen nur dann nach einer Alternative zum Huna-Schamanismus nach Serge King, wenn wir - aus welchen Gründen auch immer - grundsätzlich davon überzeugt sind, dass seine Huna-Lehre im Widerspruch zum mystischen Weg steht oder diesen nicht umfaßt. Wenn wir von dieser Grundannahme ausgehen, werden wir Serges Bücher so lesen und seine Workshops so hören, dass unsere These immer wieder gestützt wird. Das ist das Wesen von IKE.

KALA - Wenn es keine Grenzen gibt, ist das Universum grenzenlos, heißt es in Serges Leitartikel zu dieser Ausgabe. Und weiter: Folglich ist auch jeder von uns grenzenlos. Daher begegnen wir in jedem anderen Wesen uns selbst in unzähligen Verkleidungen. Wenn dem so ist, begegnet der Mystiker dem Schamanen als seinem eigenen Ich in anderer Verkleidung und umgekehrt. Als Metapher könnten wir es so ausdrücken: Es ist so, als scheine auf den Ozean des Lebens einmal die aktive lebenspendende Kraft der Sonne und einmal das beruhig-ende, kühle Licht des Mondes.

Das sind Überlegungen auf der vierten holistischen Ebene, auf der es im tiefen spirituellen Sinne keine dualistischen Unterscheidungen mehr geben kann. Hier scheint sich unsere Fragestellung schon allein aus der rein analytischen Lono-Sicht geradewegs aufzulösen. Sie hat keinen praktischen Sinn mehr.Anders scheint es hingegen beim nächsten Prinzip zu sein, in dem es um das Halten unseres jeweiligen Fokus geht.

MAKIA - Einige mystische Schulen verweisen nachdrücklich darauf, dass es die Zielgerichtetheit des Intellekts sei, die Leiden bringt. Sie sei daher ausdrücklich zu meiden. Auch sei Konzentration für den mystischen Weg untauglich, da sie zu mentaler Anspannung führt. Im achtfachen Yoga-Weg des Patanjali beispielsweise wird sie lediglich als niedere Vorübung zur höheren Stufe der Meditation eingesetzt. Hier scheint sich der mystische Weg wirklich grundsätzlich vom schamanischen zu unterscheiden.

Richten wir daher den Blick wieder auf die raum- und zeitlose Tee-Schale selbst - ohne einen bestimmten Inhalt. Das dritte Prinzip stellt lediglich fest: Energie fließt dorthin, wohin wir unsere Aufmerksam-keit lenken. Wenn wir also einen mystischen Weg wählen, der die Ziellosigkeit proklamiert, was spricht dagegen, dass wir dann unsere Aufmerksamkeit auf Ziellosigkeit lenken? Denn: Was bedeuet eigent-lich "sich fokussieren"? Jeder Fotograf weiß, dass ein Fokus entweder weit oder eng eingestellt werden kann. Welche Einstellung wir wählen, hängt davon ab, welches Motiv wir fotografieren wollen. Wenn wir Ziellosigkeit als Fokus für unseren Energiestrom wählen, dann ist der Fokus weit einzustellen. Wenn es uns hingegen um effiziente Zieler-reichung bei Dingen des täglichen Lebens geht, dann verspricht ein engerer Fokus, in dem unser Energiestrom wie durch ein Brennglas kraftvoll gebündelt wird, mehr Erfolg. Wo ist dann der Widerspruch zwischen Mystiker und Schamanen? Er taucht nur dann auf, wenn wir uns des Unterschieds bei der Wahl unserer Akzentsetzung nicht klar bewußt sind und die verschiedenen Lebensbereiche, in denen wir als Schamanen und Schamaninnen tätig, vermischen.

MANAWA: Dieses Prinzip führt ebenfalls zu einer oft zu beobachtenden Vermischung von unterschiedlichen Gedankenansätzen, so dass das Ergebnis einem esoterischen Eintopf ähnelt. Einige mystische Schulen sprechen vom Nicht-Tun, das es zu üben gelte. Hieraus entstehen logische Verwirrungen in unserem nach Ordnung strebenden Lono; denn "Nicht-Tun" ist sprachlich und gedanklich der Gegensatz von "Tun". Mithin scheinen sich der aktiv handelnde Schamane und der passiv empfangende Mystiker infolge des dualistischen Sprach- und Denkschleiers als sich widersprechende Gegensätze gegenüber zu stehen.

Nehmen wir hier das zweite Prinzip zu Hilfe, um mehr Klarheit zu gewinnen: Wenn wir davon ausgehen, dass es auf der vierten Ebene keine Grenzen gibt und auch wir dort als spirituelle Wesen (natürlich nicht als Körper auf der ersten und zweiten Ebene!) ebenfalls zeitlich und räumlich unbegrenzt sind, dann gibt es logischerweise auch kein separates Individuum, das irgendetwas tut, das nicht ohnehin im unbegrenzten Universum erfolgen würde. Es wäre absolut unlogisch zu denken, dass jemand etwas täte, wenn es gar keinen Jemand gibt. Der vermeintliche Widerspruch zwischen Tun und Nicht-Tun löst sich - wie bei KALA - auch hier bereits auf der Lono-Ebene der reinen Logik auf.
Ein anderer für unsere Fragestellung wichtiger Aspekt von MANAWA ist die Formveränderung. Da dies eine typische schamanische Fähigkeit ist, können wir uns sofort fragen: Was könnte uns als Huna-Schamanen bei unserer Meditationstechnik davon abhalten, je nach Akzentsetzung die Form zu verändern? Das hieße praktisch: Wir meditieren als Mystiker oder Mystikerin immer dann, wenn wir den Akzent bewußt auf die Unio mystica setzen, und als Schamane oder Schamanin immer dann, wenn wir mit unserer Meditation für uns, unsere Umgebung oder die Welt heilend wirken oder sonstige schamanische Fähigkeiten entwickeln wollen.

ALOHA - Hier gibt es wohl am meisten Gemeinsamkeit zwischen dem mystischen und dem schamanischen Weg. Sowohl Mystiker wie Schamanen heilen in Liebe und Mitgefühl. Ihre Techniken und ihre Prioritäten unterscheiden sich selbstverständlich. Aber das ist nur die Flüssigkeit in der Tee-Schale, nicht die Schale selbst.

Ein Mystiker, der erwacht ist, wirkt immer heilend auf sein Umfeld und die ganze Welt. Durch sein Erwachen reduziert er direkt oder indirekt das Leiden der gesamten Menschheit. Dabei kommt es nicht auf die äußere Erscheinungsform seines Wirkens an: Er kann in der Zurückgezogenheit ebenso heilend wirken wie als aktiver Menschenlehrer; denn er ist - wie wir nach dem zweiten Prinzip gesehen haben - nicht von der übrigen Menscheit getrennt.

MANA - Alle Kraft kommt von innen, sagt das sechste Prinzip. Oder mit anderen Worten: Wir alle - ob Mystiker oder Schamane - schöp-fen unsere Kraft immer aus derselben Quelle. Wenn dem so ist, dann kann es keinen Unterschied darin geben, ob wir unser Mana zur Steig-erung der Wirksamkeit unserer schamanischen oder unserer myst-ischen Meditationsfähigkeiten einsetzen.

PONO - Das siebente Prinzip besagt zum einen, dass Wirksamkeit das Maß der Wahrheit ist, und zum anderen, dass es mehrere Wege gibt, um etwas zu erreichen. Es gibt uns also die Möglichkeit, unsere Techniken in unserem meditativen Tun oder Nicht-Tun flexibel und kreativ zu wählen.

Meine Antwort auf unsere Fragestellung

Für mich ist das siebente Prinzip die logische Ergänzung zu IKE: Durch PONO können wir nämlich unsere IKE-Vorstellungen im täglichen Leben daraufhin überprüfen, welche Wirkungen sich aus ihnen im Alltag einstellen und ob diese Ergebnisse unseren Wünschen entsprechen oder nicht. Das würde auch für unsere Fragestellung gelten.
Da es nach dem ersten Prinzip keine "richtige" Antwort geben kann, geht es folglich darum, dass ein jeder und eine jede für sich seine bzw. ihre ganz persönliche Antwort auf unsere Fragestellung finden muss. Und die wird davon abhängen, von welchen Grundannahmen ausgegangen wird. Denn: Es ist weniger als eine Frage des Recht-habens oder der logischen Schlußfolgerung als eine Frage des per-sönlichen Entschlusses, ob wir mit einem oder mehreren spirituellen Systemen glücklich sind.

Meine Grundannahmen dazu sind folgende:

Da alle Überzeugungen nach IKE nur willkürliche Gedankengebäude sind und keine unumstößlichen Wahrheiten abbilden, gestalte ich mir meinen Meditationstraum mit meinem Mana selbst. Keine äußere Autorität kann das für mich tun.

Da die sieben Prinzipien nicht mit bestimmten Meditationstechniken gleichzusetzen sind, kann ich die Essenz jeglicher Meditationspraxis in meine sieben raum- und zeitlosen Tee-Schalen gießen und mit einem System glücklich sein.

Aloha!

 

 

"Ohne zu urteilen, und dennoch voller Klarheit, das ist die rechte Beschreibung der Meditation."

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