Er ist gütig zu denen die gütig sind. Er ist auch gütig zu denen die nicht gütig sind. Es ist die Güte der Handlung selbst. Er ist vertrauenswürdig denen gegenüber, die vertrauenswürdig sind. Er ist auch vertrauenswürdig denen gegenüber, die nicht ver-trauenswürdig sind. Es ist das Vertrauen der Handlung selbst.

Tao Te King (49:2)

Ku, Lono und Kane oder der feine Unterschied

von Angelika Driesner,

Wenn wir die Huna-Philosophie für die Arbeit mit uns und an uns selbst einsetzen wollen, so sind als erstes grundlegende Fragen zu klären: "Was ist aus Huna-Sicht eigentlich ein Mensch? Woraus besteht er, und wie funktioniert er?" In den Büchern und Workshops von Serge King erhalten wir zahlreiche ausführliche Antworten. In seinem Werk "Begegnung mit dem verborgenen Ich" stellt er uns eine der viel- fältigen hawaiianischen Beschreibungen vor, nach welcher der Mensch in sieben Elemente aufgegliedert werden kann:

 

1. KU oder Unihipili : das Aktive Selbst

2. Lono oder Uhane: das Bestimmende Selbst

3. Kane, Aumakua, Kumupa`a oder `ao `ao: das Kreative Selbst

4. die Seele des Menschen: Iho,

5. sein Aka-oder Energiekörper,

6. sein Mana und

7. Kino, sein physischer Körper.

In seinen Büchern und Workshops weist Serge King jedoch immer wieder auf einen wichtigen Punkt hin: Die Weltanschauung der hawaii-anischen Schamanen besitzt zwar einige Parallelen zu anderen Denk-gebäuden, aber es gibt auch deutliche Unterschiede. Das trifft ins-besondere bei Ku, Lono und Kane

im Vergleich zu anderen bekannten Denkansätzen der westlichen Kultur zu. Die Unterschiede beziehen sich vor allem auf ihre Wesens-art, ihre Funktionen und ihre Beziehungen zueinander. Sie genau zu kennen, "könnte zum Praktischsten gehören, was Sie je lernen wer-den," heißt es dazu im "Stadt-Schamanen".

Mit diesem Artikel sollen daher aus den Büchern und den Workshops von Serge King die prägnantesten Unterschiede - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - zusammengetragen werden.

Der erste Unterschied: Trennung oder Ganzheit

Von den genannten sieben Elementen des Menschen stellen Ku, Lono und Kane  die drei grundlegenden Aspekte des Geistes (mind) dar. Wie sie in ihrem Wesen und in ihrem Verhältis zueinander im Westen und in Hawaii gesehen werden, bildet den ersten wichtigen Unter-schied. Nach Max Freedom Long, der die Huna-Philosophie auf dem Hintergrund seiner christlichen Kultur erforscht hat,  werden Ku, Lono und Kane als drei getrennte Wesen- oder Gottheiten betrachtet. King hingegen führt in seinen Büchern und Workshops aus, daß Ku, Lono und Kane in der hawaiianischen Huna-Philosophie keineswegs von-einander getrennt sind, sondern lediglich drei verschiedene Aspekte ein und desselben Geistes darstellen.

Weshalb wird der Geist dann überhaupt in drei Aspekte untergliedert? Vergegenwärtigen wir uns dazu, daß die sieben Huna-Prinzipien nach King ein in sich logisch geschlossener Kreis von Grundannahmen sind, aus denen sich alle Sicht-weisen und Techniken des Huna ablei-ten lassen. Gehen wir also die mit der Frage verbundenen Prinzipien einmal systematisch durch:

Die Trennung oder Nicht-Trennung von Ku, Lono und Kane führt uns direkt zum zweiten Huna-Prinzip (Kala): "Es gibt keine Grenzen". Würden folglich Ku, Lono und Kane als getrennte Wesenheiten betrachtet werden, so widerspräche eine solche Trennung diesem zweiten Prinzip. Aber es gibt zu Kala noch den zweiten Folgesatz: "Trennung ist eine nützliche Illusion." Dazu führt King im "Stadt-Schamanen" aus, daß es in einem grenzenlosen Universum logischer-weise überhaupt keine Unterscheidungen und Kontraste geben kann. Infolgedessen wären auch keine spezifischen Sinneserfahrungen mög-lich. Wenn wir daher mit Ku, Lono und Kane wirklich arbeiten wollen, ist es nützlich, sie gedanklich voneinander zu trennen. Damit bedie-nen wir uns sozusagen schöpferischer Kategorien, mit denen wir im täglichen Leben oder in der Therapie verwertbare Ergebnisse erzielen können. Ob das funktioniert oder nicht, überprüfen wir anhand des siebenten Prinzips: "Wirksamkeit ist das Maß der Wahrheit. " Es geht  im Huna folglich nicht darum festzu-stellen, ob die eine oder andere Sichtweise wahr  ist oder nicht. Denn infolge des ersten Prinzips (Ike) ist alles ohnehin nur eine gedankliche Konstruktion (made up), die eigentlich nicht wirklich existiert und daher auch geändert oder sogar aufge-geben werden kann. Wer daher mit dem Long`schen Modell gute Ergebnisse erzielt, kann dabei bleiben, wenn er will. Es ist eben dann nicht mehr Huna nach King, sondern etwas anderes.

 Der zweite Unterschied: Hierarchie oder Gleichstellung

Die Arbeit mit Ku, Lono und Kane ist ein richtiges schamanisches Abenteuer, bei dem wir an den Grundfesten unseres bisherigen Denkens, Verhaltens und Handelns rütteln. Es ist ähnlich wie Keller, Boden oder Schreibtisch aufräumen. Die zentrale Frage dabei ist: "Was werfe ich weg, und was behalte ich noch?" So können wir mög-licherweise äußerst nützliche Entdeckungen darüber machen, wie wir eigentlich zu den drei Aspekten unseres Geistes stehen, und welche kultur- bzw. erziehungsbedingte Bewertung wir ihnen entgegenbring-en. M. F. Long bezeichnet Ku als "Niederes", Lono als "Mittleres" und Kane als "Höheres Selbst". Aufgrund unseres christlichen kulturellen Hintergrunds, den auch Long hatte, werden diese Begriffe in uns viel-leicht eine gewisse Werte-Hierarchie abrufen. Um uns unser Denk-muster über Ku, Lono und Kane bewußt machen, könnte  es z.B. interessant sein, wenn wir Ku, Lono und Kane auf einem Stück Papier oder dem Computer so aufzeichnen, wie wir sie uns innerlich vor-stellen. Kommt dann auch eine Art Rangordnung nach den Merkmalen "niedrig", "mittel" und "höher" heraus? Haben wir innerlich das bewußte oder unbewußte Gefühl, daß Ku etwas dümmer oder sonst irgendwie weniger wertvoll ist als die beiden anderen? Sehen wir Ku als "niedriger" als Lono und Kane an, weil für uns Geist etwas höher-wertiges ist als Materie und der Umgang mit ihr? Oder setzen wir manchmal sogar Ku teilweise oder ganz mit unserem Körper gleich? Dann hätten wir eine Vermischung zwischen Ku und Kino und stehen womöglich dem alten Konflikt zwischen Geist und Körper gegenüber.

Mit einer wie auch immer gearteten hierarchischen Vorstellung von Ku, Lono und Kane befinden wir auf jeden Fall in krassem Gegensatz zur Huna-Philosophie. Hierarchie-Vorstellungen bezüglich der Phäno-mene des Lebens sind ihr wesens-fremd und ihrem Ansatz nach un-logisch: Denn wie könnten Ku, Lono und Kane unterschiedliche Be-wertungen erfahren, wenn sie doch nur Aspekte eines einzigen Geistes darstellen? Im Huna sind Materie und Geist in ihrer Essenz gleich und mithin auch gleichwertig. Beides sind lediglich unterschied-liche Zustände oder Frequenzen ein und derselben Lebensenergie. Diese Position wird heute auch in unserem Kulturkreis von der modernen Physik vertreten. Allerdings setzt sie sich nur langsam durch. Hier gilt es, unsere eigenen Denkmuster auf alte Vorstellungen hin zu überprüfen und zu entrümpeln - sofern wir dies wollen, was wir ja nicht müssen.

Der dritte Unterschied: Bewußtseinsbereiche oder Funktionen

In seinem Buch "Begegnung mit dem verborgenen Ich" stellt King einige Ansätze der westlichen Psychologie ausführlich der Huna-Philosophie gegenüber, um Gleiches und Unterschiedliches aufzu-zeigen. Ohne in die Details zu gehen, kann festgestellt werden, daß die westliche Psychologie von zwei Bewußtseinsbereichen der mensch-lichen Psyche ausgeht: dem Bewußten und dem Unbewußten oder Unterbewußten. Unterscheidungsmerkmal ist demnach der Grad der Bewußtheit. Können wir nun diese Begriffe mit Ku und Lono gleich-setzen?

Hier lohnt es sich, genauer in die Details zu gehen. King arbeitet mit mehreren Begriffen, wobei im Deutschen immer Schwierigkeiten mit der Übersetzung des Begriffs "mind" auftreten. Lassen wir deshalb den Begriffswirrwarr beiseite und betrachten die Unterscheidungs-merkmale von Ku, Lono und Kane. Sie liegen in ihren jeweiligen Funktionen und Motivationen, die uns entweder bewußt sind oder nicht (in Klammern werden alternative Bezeichnungen für die drei Aspekte unseres Geistes angegeben, die von King benutzt werden):

 Ku ( aktive Selbst )

- Funktion: : Ku ist der Hüter oder Archivar des genetischen Gedächt-nisses, unserer Gewohnheiten, aller bewußten und unbewußten Er-innerungen und Erfahrungen. Während genetische Daten in jeder Zelle gespeichert sind, werden Erfahrungen und Erinnerungen von Ku muskulär gespeichert und mit Emotionen verbunden.

- Motivation:  Lieben mit beiden Facetten von "lieben" und "geliebt werden" (oder etwas mögen). Ku wird über physisches und emotional-es Vergnügen (pleasure) motiviert.

- Verhältnis zur Zeit:  Ku ist durch die Funktion, Erinnerungen zu speichern, vergangenheitsorientiert, reagiert aber vollständig in der Gegenwart.

 Lono ( das bestimmende Selbst )

- Funktion:  Lono analysiert, kategorisiert, rationalisiert, vergleicht und trifft Entscheidungen nach einem Maßstab für Gut und Böse. Es benutzt bei allem Imagination.

- Motivation:  Macht und Kraft (power), und zwar entweder über  etwas(dann ist die Grundlage für power Angst und Furcht) oder aber aus reiner Freude an  physischer oder mentaler Kraft, am Problem-lösen, am schöpferischen Bewirken und Erzielen von Ergebnissen.

- Verhältnis zur Zeit:  Da es sich etwas vorstellen kann, was noch nicht existiert, ist Lono zukunftsorientiert. Wenn Lono jedoch keine power hat, tritt Furcht auf; denn Furcht ist immer auf die Zukunft ausgerichtet.

 Kane (das kreative Selbst )

- Funktion:  Kane gibt Inspiration. Es erschafft Situationen und Konstellationen auf  der Grundlage der Vorgaben von Ku und Lono.

- Motivation:  Harmonie im Sinne von Verbesserungen in den Beziehungen zu uns selbst, den anderen und zu unserem Umfeld.

- Verhältnis zur Zeit:  Kane harmonisiert Vergangenheit und Zukunft im gegenwärtigen Moment.           

Mit dieser Auflistung der wesentlichen Merkmale von Ku, Lono und Kane wird deut-lich, daß Ku und Lono nur zum Teil mit den herkömm-lichen Begriffen des Unbewußten und des Bewußten gleichgesetzt werden kann.

Der fünfte Unterschied: Das selbst agierende oder das anzuweisende Höhere Selbst

Nach dem fünften Prinzip (Aloha) ist das gesamte Universum lebendig und gibt Antwort. Wenn wir folglich auch Ku, Lono und Kane als lebendige Wesen mit besonderer Wesensart, unterschiedlichen Funktionen oder Arbeitsweisen sowie mit unterschiedlichen Motiva-tionen begreifen, dann können wir mit ihnen auch kommunizieren: Wir können ihnen einerseits etwas mitteilen, anweisen oder beibring-en und andererseits aber auch Unterstützung, interessante Antworten und nützliche Hinweise von ihnen erhalten. King vergleicht in diesem Zusammenhang Ku, Lono und Kane mit Mitarbeitern in einer Firma, die gut ausgebildet sind, für uns arbeiten und das Beste für die Firma wollen - aber sie brauchen unsere Anleitung, und zwar alle drei. Die Arbeit an uns selbst besteht folglich darin, Ku, Lono und Kane liebe-voll dazu bringen, in unserem Sinne für uns zu arbeiten. In Analogie zum Gold-schmied bezeichnet King den Schamanen auch als Geistes-Schmied (mind smith), dessen Werkzeuge Ku, Lono und Kane sind. Wenn wir Meisterschaft in dieser Disziplin erlangen, werden wir Herr oder Frau im eigenen Hause des Geistes.

Im Umgang mit Kane liegt dabei vielleicht der wichtigste Unterschied: Auch Kane braucht nämlich genaue Anweisungen vom Bestimmenden Selbst. Diese Sicht-weise des Huna erfordert für alle jene ein totales Umdenken, die davon ausgehen, daß sie die Verantwortung für ihre Lebensgestaltung ihrem Höheren Selbst über-geben können und dies-es Höhere Selbst dann schon allein für sie sorgt. Mit dieser ungenau-en Anweisung wird Kane zwar sein Bestes tun, aber das muß nicht gerade das sein, was der- oder diejenige eigentlich wollten. Im Huna verbleibt folglich die gesamte Verantwortung im Leben beim Individuum selbst: Die Grundlage dazu bildet die Huna-Grundannah-me, daß jeder Mensch einen freien Willen besitzt: Kanaloa. Dies ist der Punkt, aus dem heraus wir agieren: Der Ruhepunkt (stillpoint). So sind wir völlig frei, uns für ein Leben mit Jammern und Klagen zu entscheiden oder für ein Leben in Freude und Erfüllung. Kane wird uns in keiner Weise von Leid abbringen wollen, wenn es das ist, wofür wir uns entschieden haben. Innere Stimmen, die "mit erhobenem Zeigefinger" und "Du sollst aber..." mit uns kommunizieren, vermit-teln uns daher nie eine Botschaft von Kane, mögen die Forderun-gen auch noch so edel sein. Diese Ratschläge kommen von Internalisier-ungen irgendwelcher Autoritäten. Kane gibt lediglich Inspirationen zur Verbesserung unserer Verhaltensweisen durch Hinweise im Inneren oder Äußeren. Ob wir sie annehmen oder nicht, ist uns überlassen.

Die Unterschiede als Wege zum Glücklichsein

Wie wir uns Ku, Lono und Kane nun im einzelnen konkret vorstellen - z.B. als Personifizierungen, als Energien oder in sonstigen Ausprägungen , wird für jeden von uns unterschiedlich sein. Der praktische Nutzen, die drei Aspekte unseres Geistes eingehend zu erkunden, liegt jedoch für jeden darin, daß wir unser Glücklichsein täglich ganz gezielt selbst beeinflussen können. Wir brauchen nur dafür zu sorgen, daß wir die Bedürfnisse von Ku, Lono und Kane befriedigen: für Ku durch sinnliche oder emotionale Freuden, für Lono durch mentale oder physische power und für Kane durch Harmonie. Das Maß unseres Glücklichseins bestimmen wir selbst.

 

"Ohne zu urteilen, und dennoch voller Klarheit, das ist die rechte Beschreibung der Meditation."

Der Spiegel des Herzens von Vajrasattva

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