Er ist gütig zu denen die gütig sind. Er ist auch gütig zu denen die nicht gütig sind. Es ist die Güte der Handlung selbst. Er ist vertrauenswürdig denen gegenüber, die vertrauenswürdig sind. Er ist auch vertrauenswürdig denen gegenüber, die nicht ver-trauenswürdig sind. Es ist das Vertrauen der Handlung selbst.

Tao Te King (49:2)

Huna und "freier Wille"

von Angelika Driesner

Heute möchte ich auf eine interessante und immer wieder auftauchende  Fragestellung mit dem freien Willen eingehen. Es ist eine Frage, an der sich Philosophen aller Jahrhunderte die Zähne ausgebissen haben, und jeder, der sich damit beschäftigt, muß sie wieder für sich durchkauen, um einen eigenen Standpunkt zu finden.

Versuchen wir es auch einmal auf „schamanisch“:

Gehen wir mal davon aus, dass Sprache und Denken offensichtlich dualistisch sind. Dann gibt es folglich grundsätzlich  zwei Antworten und Sichtweisen zu „Willen“: entweder er wird als frei betrachtet oder nicht.

Die Schamanen haben sich - wie Serge Kahili King deutlich ausführte - dafür entschieden, mit der Vorstellung des freien Willens zu arbeiten, während sich Mystiker  (zumindest der meisten indischen Richtungen, so scheint mir) im allgemeinen dafür entschieden haben, mit der Vorstellung des nicht freien Willens zu arbeiten.

Nach meiner Erfahrung scheinen wir immer dann Probleme auf der Denk- und Sprachebene zu kriegen, wenn wir anfangen, die beiden Systeme miteinander zu vermischen; denn dann vermischen wir auch deren Vorwegannahmen und verstricken uns infolgedessen notwen-digerweise in logische Widersprüche.

Versuchen wir daher Serges Huna-System, so wie er es im „Stadt-Schamanen“ beschrieben hat und in seinen Workshops vermittelt, systematisch auf diese Fragestellung anzuwenden:

Mit dem ersten Huna-Prinzip IKE nehmen wir an, dass alle Systeme und Denkansätze willkürlich sind. Folglich können sie nicht „wahr“ im absoluten Sinne sein, sondern - mit PONO (das 7. Prinzip : Wirksamkeit ist das Maß der Wahrheit!), gedacht - nur „nützlich“ oder „praktisch“ in dem Sinne, dass die Vorstellung vom freien Willen im schamanischen System wirksam ist und die vom nicht freien  im mystischen.

Gehen wir weiter mit IKE: Wenn alle Systeme willkürlich sind, dann muß sich logischerweise der Schamane im Leben entscheiden. Wenn er in seinem eigenen System nicht unlogisch werden will, braucht er dazu notwendigerweise die Vorstellung eines freien Willens. Damit fällt er jedoch keinerlei Urteil über die Frage, ob es denn „wahr“ ist, dass es einen“ freien Willen“ gibt. Diese Frage treibt ihn nicht um. Für ihn ist nur interessant, ob die Vorstellung des freien Willens ihn bei seiner Arbeit als Heiler von Menschen, Beziehungen und Umfeld hilft -PONO.

Der Mystiker hingegen setzt seinen Schwerpunkt nicht auf das wirksame Handeln in dieser dualistischen „Welt“. Ihm geht es darum herauszufinden, was jenseits der dualistischen  Denk- und Sprachwelt existiert. Folglich geht er - wenn er sein System sprachlogisch ver-mitteln  will - von der Vorweg-Annahme  aus, dass es außerhalb der dualistischen Welt, die durch Denken und Sprache entsteht (mind), keine Vorstellungen von freiem und nicht freiem Willen mehr gibt. Denn wenn die Vorstellung eines vom Absoluten separaten Egos transzendiert ist, dann stellt sich die Frage des individuellen freien oder nicht freien Willens schlichtweg nicht mehr!

Das Problem liegt - so gesehen -eigentlich nur im Zuhörer, der immer noch mit dualistischen Vorstellungen hört und sieht. Demzufolge stellt sich ihm natürlicherweise auch immer noch die dualistische Frage „freier Wille ja/nein“. Transzendiert der Zuhörer seine eigene dualistische Sicht- und Hörweise, dann hat er sein LONO-(das mittlere Selbst) Problem auch nicht mehr.

So würde ich für mich die Frage nach der Willensfreiheit  aus huna-schamanischer Sicht beantworten.

 

Aloha              Angelika

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